Anastasija kann wieder laufen!
Anastasija steht fest auf dem Gehweg vor ihrer Wohnung in Dortmund. Auf den ersten Blick ist das Korsett um den Oberkörper der 14-Jährigen nicht erkennbar, doch sie muss es fast jeden Tag tragen, um ihre Wirbelsäule und Muskulatur zu stützen. Die junge Ukrainerin leidet seit ihrer Geburt an dem Ehlers-Danlos-Syndrom: eine erbliche Bindegewebserkrankung. Bei Anastasija zeigt es sich hauptsächlich durch eine Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Dadurch sind ihr rechtes Bein und ihr rechter Arm um einige Zentimeter kürzer.
Starke Schmerzen seit der Kindheit: Ärzte hielten Operation für unnötig
„Mittlerweile geht sie ganz ohne Rollstuhl“ sagt Mutter Tetiana Rudenko stolz und hält die Hand ihrer Tochter. Unter der Woche gehen sie zusammen einkaufen, spazieren, schwimmen oder einfach in den Park. „Teilweise hat Anastasija den langen Weg der Besserung schon verdrängt“, sagt ihre Mutter – zu schmerzvoll war der Alltag und so vieles passierte in der Zwischenzeit.

Aplerbeck Kinderhospiz Schuetze
Die 14jährige Anastasija mit ihrer Mutter Tetiana. Das Mädchen kann wieder selbständig laufen und muss nur noch selten im Rollstuhl sitzen. Foto: Stephan Schuetze/Deutsche Kinderhospiz Dienste
Doch Tetiana erinnert sich gut: Anastasija kommt in Kiew scheinbar gesund auf die Welt, aber bald bemerken die Ärzte eine Verkrümmung in der Wirbelsäule. Die Eltern suchen nach Hilfe, aber die Ärzte verschreiben ihr keine unterstützenden Maßnahmen. Jahrelang suchen sie deswegen selbst nach Alternativen. Anastasija besucht von klein an Reha-Kliniken und ergänzt das mit Schwimmunterricht und Rückengymnastik. Jedoch sind die Ärzte vor Ort der Meinung, dass das junge Mädchen noch keine Operation braucht. Anastasija leidet weiterhin an starken Schmerzen und ist auf ihren Rollstuhl angewiesen. Inzwischen wächst die Familie um ein Mitglied. Anastasija bekommt eine kleine Schwester. Trotz der Freude ist Tetiana gezwungen ihren Job zu kündigen, um sich um ihre Kinder zu kümmern – sie muss sich immer in der Nähe von Anastasijas Schule aufhalten: „Ich war in jeder Pause dabei, um Anastasija in den nächsten Raum zu bringen“.
Flucht aus der Ukraine: Die Familie findet Unterstützung bei den Deutschen Kinderhospiz Diensten
Im Frühjahr 2022, als die Ukraine von Russland überfallen wird, müssen die Rudenkos 15 Tage in einem Keller in Kiew ausharren. Bei der ersten Gelegenheit flieht die Familie in den Westen des Landes, auch die Schwester von Tetiana kommt mit. Die Lage ist zunächst etwas ruhiger als in der Hauptstadt, doch als auch in 60 Meter Entfernung Bomben einschlagen, ist es für sie genug: Tetiana sorgt sich um das Überleben ihrer Familie und um die Gesundheit Anastasijas.
Auf der verzweifelten Suche nach Hilfe entdeckt Tetiana einen Aufruf der Deutschen Kinderhospiz Dienste und schreibt sie an. Dann geschieht alles ganz schnell: Der Dortmunder Verein organisiert einen Sondertransport für Anastasija und ihre Familie, der sie im Juni an der polnischen Grenze abholt. Von dort aus werden die beiden Töchter, ihre Mutter und Schwester nach Deutschland gefahren. Der Ehemann von Tetiana muss zunächst in der Ukraine zurückbleiben. Die Deutschen Kinderhospiz Dienste helfen der Familie bei der Suche nach einer eigenen Wohnung in Dortmund, Freiwillige bringen Möbel und ein spezielles Bett für Anastasija.
Endlich: Durch die Operation kann Anastasija wieder laufen!
„Dank der Deutschen Kinderhospiz Dienste kam Anastasija sehr schnell an medizinische Hilfe“, erinnert sich Tetiana. Die Ärzte im Klinikum untersuchen die damals 13-Jährige und empfehlen eine Operation. Nun ist es im September 2023 so weit: Eine Woche lang müssen sich die Eltern gedulden, aber der Eingriff verändert Anastasijas Leben. Von nun an kann sie wieder, mit Hilfe von Orthesen, laufen. Die Schmerzen sind endlich weg.
Mittlerweile besucht sie die Realschule, wird sogar von einem Fahrdienst abgeholt, was für Mutter Tetiana eine große Entlastung ist: „Anastasija kann sich in Deutschland eher verwirklichen, weil vieles barrierefrei ist. Hier werden Menschen mit Behinderung eher akzeptiert als in der Ukraine und wir fühlen uns als ein Teil der Gesellschaft.“ In ihrem Zimmer erzählt Anastasija über Musik, eins ihrer Hobbys. An der Wand hängen Poster von Green Day, Billie Eilish, Rammstein und Nirvana. Auch wenn Anastasija ihre Heimat und Freunde weiterhin vermisst, hat sie sich in Deutschland gut eingelebt und fühlt sich wohl und sicher. Und auch für die Zukunft hat sie bereits große Pläne: Sie möchte Psychologie studieren und einen spannenden Job finden.




